Fortbildungen -Sexualmedizin - Basis Seminar

Zusatzbezeichnung zu Ihrem Facharzt.

Kosten: 1.798 €

Seminarzeitraum:  Februar - Dezember, jeweils von Sonnabend bis Samstag, täglich maximal 8 Unterrichtseinheiten.

Zertifizierung: Mögliche 52 CME-Punkte

Referent: Dr. med. Peter Lumbeck

Anerkennungen: Das 52 Unterrichtsstunden umfassende Seminar wird mit 52 Fortbildungspunkten für 6,5 x 8 Stunden von den Landesärztekammern bewertet.

 

Kursbeschreibung:

Die Diskrepanz zwischen der Häufigkeit von Sexualstörungen einerseits und dem Nicht-erkannt-werden und dem Nicht-angesprochen-werden in der täglichen Praxis ist groß. Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit sexuellen Störungen und Problemen ist unzureichend. Dies gilt insbesondere für die Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen. Sexuelle Funktionsstörungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Sie gehen mit erheblichem Leidensdruck und negativen psychischen wie körperlichen Folgeerscheinungen für die betreffende Person und die Paare einher.

 

Sexuelle Störungen treten auch auf als Begleitsymptome häufiger psychischer Störungsbilder, wie Angststörungen oder Depressionen. Darüber hinaus können Sie Frühsymptom von psychischen und somatischen Erkrankungen sein. Die Wechselwirkung zwischen sexueller Gesundheit bzw. sexuellen Störungen und Lebensqualität ist empirisch untersucht und bestätigt worden.

 

In Deutschland besteht noch immer ein großer Bedarf an qualifizierten, sexualmedizinisch kompetenten Ärztinnen und Ärzten, die in der Lage sind, zumindest eine Grundversorgung im Bereich sexueller Probleme und Störungen zu gewährleisten.

Das praxisorientierte Basisseminar Sexualmedizin hat als Lernziel den Erwerb einer praxisbezogenen sexualmedizinischen Basiskompetenz, die zu einer besseren sexualmedizinischen Grundversorgung unserer PatientInnen führen soll. Insbesondere wird das Wahrnehmen und Erkennen sexueller Störungen sowie das Sprechen über Sexualität und ihre Störungen vermittelt und eingeübt.

 

 

Leitlinien des Programms:

· Ausgewogenheit von Theorie, Praxis und Selbsterfahrung.

· Praxisnähe · Übungen zu Gesprächsführung für Sexualanamnese und Sexualberatung

 · Rollenspiele und Kleingruppenarbeit mit Falldarstellungen der TeilnehmerInnen

 

 

Charité Berlin, Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier: Im Gegensatz zum romanischen und angelsächsischen Sprachraum ist Sexualmedizin in den deutschsprachigen Ländern nur an wenigen Universitäten Lehrgegenstand und bislang nirgends als Pflichtfach in Studienordnungen der Medizin verankert. Nur wenige (4/16 Bundesländer) in Deutschland bieten sexualmedizinische/sexualtherapeutische Lehrveranstaltungen an, insbesondere diejenigen, an denen die Sexualmedizin als eigenständiges Fach vertreten ist (Berlin, Frankfurt, Hamburg). Die Lehrangebote sind fakultativ, die Sexualmedizin ist in keiner Studienordnung als Pflichtfach verankert. In der medizinischen Approbationsordnung sind sexualmedizinische Lehrinhalte über verschiedene Fächer verstreut (Dermatologie, Gynäkologie, Urologie etc.

 Sexualmedizinische Lehrinhalte:

1.0 Fachspezifischen Merkmale der Sexualmedizin

1.1 Biopsychosoziales Verständnis menschlicher Sexualität

1.2 Paar-Beziehungsdimension bei sexuellen Störungen

1.3 Berücksichtigung sozial-kommunikativer Aspekte von Sexualität als Körpersprache.

2.0 Die theoretischen Grundlagen der Sexualmedizin

2.1 Stammesgeschichtliche Entwicklung der menschlichen Sexualität

2.2 Kulturgeschichtliche Entwicklung der Einstellung zur Sexualität im Abendland und damit verbunden des Fachverständnisses

2.3 Psychosexuelle Entwicklung über die Lebensspanne. Kenntnisse über das Zusammenwirken körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren, z.B.

2.3.1 Bedeutung entwicklungspsychologischer Phasen für die kindliche und Erwachsenensexualität, Geschlechtsunterschiede, Geschlechtsidentifikation und (im Wandel begriffene) Geschlechtsrollen Bedeutung des sexuellen Reaktionszyklus für das sexuelle Erleben und Verhalten sowie für die Entstehung und/oder Aufrechterhaltung von sexuellen Störungen

2.4 Kenntnisse über die verschiedenen Dimensionen menschlicher Sexualität und ihr Zusammenspiel: 2.4.1 beziehungsorientierte Dimension, d.h. ihre Bedeutung für die Befriedigung basaler psychosozialer Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit durch sexuelle Kommunikation in Beziehungen

2.4.2 reproduktive Dimension, d.h. ihre Bedeutung für die Fortpflanzung

2.4.3 Sexuelle Lustdimension, d.h. ihre Bedeutung für alle Möglich- keiten des Lustgewinns aus dem Erleben von Sexualität.

2.5 Symptomatologie und Krankheitslehre der sexuellen Funktionsstörungen, der Geschlechtsidentitätsstörungen und sexuellen Verhaltensabweichungen sowie der sexuellen Störungen aufgrund von Erkrankungen und/oder deren Behandlung.

2.6 Prinzipien sexualmedizinischer Diagnostik und Behandlung:

2.6.1 Fokussierung auf das Paar (Beziehungsentwicklung, Paardynamik und Kommunikationsweisen), Besonderheiten des Paargespräches und der Anamneseerhebung

 

2.6.2 Hinweise auf themenzentrierte Selbsterfahrung, Balintgruppe und Supervision als Voraussetzung für sexualmedizinische Behandlungstätigkeit.

 

1995 hat die Akademie für Sexualmedizin ein sexualmedizinisches Curriculum vorgelegt (Vogt et al. 1995. Dieses Curriculum liegt bei der Bundesärztekammer seit 1995 zur Einführung der Zusatzbezeichnung Sexualmedizin in die ärztliche Weiterbildungsordnung. Es umfasst die Vermittlung von theoretischen Kenntnissen (100 Stunden) sowie Haltungen und Fertigkeiten (120 Stunden). Bislang gibt es KEINE Zusatzbezeichnung Sexualmedizin.

 

Postgraduale Fort- und Weiterbildung:

100 h Theoretische Kenntnisse Allgemein

1.1 Stammesgeschichtliche Entwicklung der menschlichen Sexualität

1.2 Verlauf der körperlichen Sexualentwicklung

1.3 Verlauf der geschlechtstypischen psychosexuellen Entwicklung

1.4 Entwicklung der Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung

1.5 Physiologie der sexuellen Reaktionen

1.6 Soziosexualität und kulturelle Implikationen von Geschlechtsrollen

2. Speziell Krankheitslehre und Differentialdiagnostik bei

2.1 Sexuellen Funktionsstörungen

2.2 Sexualstörungen aufgrund von Erkrankungen und/oder deren Behandlung

 2.3 Geschlechtsidentitätsstörungen

2.4 Störungen des soziosexuellen Verhaltens (einschl. Sexualdelinquenz)

3. 120 h Haltungen und Fertigkeiten, Einstellungen/ Erfahrungen

3.1  40 h Balintgruppe (themenzentriert)

3.2  60 h Selbsterfahrung (themenzentriert)

3.3  20 h Supervision 3.3.1 Sexualanamnese (Einzel/Paar)

3.3.2 Sexualmedizinische Beratung und

3.3.3 Behandlung Einzel/Paar)

Das Besondere an dieser Fortbildung ist, dass die erworbene sexualmedizinische Kompetenz ganz unterschiedlich in die bisherige Tätigkeit integriert werden kann, so dass beispielsweise Gynäkologen auch sexualtherapeutische Angebote machen

 

Themenzentrierte Selbsterfahrung

Themenzentriert bedeutet in diesem Fall, sich mit der eigenen Sexualität und Partnerschaft zu befassen. Ziele sollen sein:

1. die eigene psycho- und sozio-sexuelle Entwicklung und damit die eigene sexuelle „Welt-Anschauung“ besser kennen- bzw. verstehen zu lernen

2. Klarheit zu erlangen über die drei Dimensionen menschlicher Sexualität (die beziehungsorientierte, die reproduktive, die Lustdimension) im eigenen sexuellen Erleben und Verhalten, somit auch über die eigene sexuelle Bedürfnisstruktur und eigene spezifische Beziehungswünsche (konkrete Phantasien, Praktiken etc.)

3. über Sexuelles reden zu lernen (dafür Worte zu finden) und so auch besser einschätzen zu können, was den Patienten abverlangt wird, wenn eine Sexualanamnese erhoben wird

 

Es geht also vorrangig nicht um Selbsterfahrung als neue körperliche Sensitivität und auch nicht um Konfliktaufarbeitung im psychoanalytisch-therapeutischen Sinne. Dies müsste in entsprechenden Einzeltherapien geschehen. Ein wichtiger Teil der Selbsterfahrung betrifft den Umgang mit Scham beim Sprechen über Sexuelles. In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass Sprache lebenslang erlernt wird und dass Sprechen über Sexuelles vermutlich in jeder Kultur eine Sonderstellung einnimmt – erkennbar nicht zuletzt an der Vielzahl von Begriffen, die sich für „Geschlechtsteile“ herausgebildet haben, während andere Körperteile meist nur mit einem einzigen und zugleich auch eindeutigen Begriff benannt werden.

Diese sprachliche Unsicherheit kann mit den verschiedenen Dimensionen der menschlichen Sexualität zu tun haben (was verhindert, einen Begriff für nur eine Funktion auszuwählen), dürfte aber in unserem Kulturkreis auch damit zusammenhängen, dass unter diesen Dimensionen de facto die Lustdimension (vorgeschoben vielleicht die Fortpflanzungsdimension) das Sprachverhalten beherrscht. So wäre z.B. zu erklären, dass die Lustfeindlichkeit im christlichen Abendland die Begriffsbildung geprägt hat (Masturbation: mit der Hand beflecken) und das Sprechen über Sexuelles sofort Schuld- oder Schamgefühle weckt – die nicht entstehen, wenn die beziehungsorientierte Dimension angesprochen wird. So würde sich anbieten, nicht von Onanie, Masturbation oder Selbstbefriedigung zu sprechen, sondern von sexuell mit sich selbst in Beziehung treten oder sich sexuell mit sich selbst befassen.

Auch Begriffe wie homosexuell beinhalten nicht den Beziehungsaspekt, so dass es hilfreicher wäre, von Beziehung zum gleichen Geschlecht oder sexuell auf das gleiche Geschlecht gerichtet zu sprechen. Für die sexualmedizinisch Tätigen ergibt sich daraus die Folgerung, aus den verschiedenen sexuellen Sprachen (s. Buddeberg 1996: 38ff) eine Sprachfähigkeit zu entwickeln, die vor allem die soziale, beziehungsorientierte Dimension erkennen lässt und dem Patienten/Paar als Modell dienen kann, um die diesbezügliche Sprachlosigkeit zu überwinden. In diesem Zusammenhang ist es meistens auch sinnvoll, die Patienten/Paare zur Benutzung ihrer eigenen (Privat-)Sprache zu ermuntern. Damit ist nicht gesagt, dass der Therapeut die dargebotene Terminologie übernimmt, vor allem dann nicht, wenn er dies nicht authentisch tun könnte. Lohnenswert ist immer, wenn man sich vor Augen führt, welches Verständnis der Patient damit verbindet. Der Begriff, wie er vom Patienten verwendet wird, muss nicht die gleiche Bedeutung haben, die der Therapeut damit verbindet.

 

Themenzentrierte Balintgruppe

 Auch die Balintarbeit muss themenzentriert erfolgen, d.h. sie muss bei der näheren Betrachtung der Therapeut-Patient-Beziehung auf die möglicherweise besonders mit Sexualität verbundenen Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen (Übertragungsliebe, erotische Spannung, sexualisierte Atmosphäre, Abgestoßensein) fokussieren.

Dies ist in herkömmlichen Balintgruppe in der Regel nicht gegeben, bedarf aber systematischer Beachtung, um eine Förderung der emotionalen Eigen- und Fremdwahrnehmung in Therapeut- Patient- Beziehungen, in denen Sexualität zum Thema geworden ist, zu erreichen (Unbefangenheit von eigenen sexuellen Wünschen in der Interaktion mit dem Patienten bzw. dem Paar; Gefahr der Parteilichkeit aufgrund von Befangenheit in Paargesprächen). Dadurch erhöht sich die Aufmerksamkeit für eigene Gefühle, z.B. Feindseligkeit, Hoffnungslosigkeit, unerträgliche Spannung, Freude etc., die Ausdruck von Gefühlszuständen des Patienten/des Paares sein können und möglicherweise in der Genese der Störung und ihrer Behandlung eine Bedeutung haben. Zudem ermöglicht die themenzentrierte Balintgruppe vertiefte Einblicke in Patienten- /Paarschicksale und damit auch in die unendliche Vielfalt möglicher Ätiologien sexueller Störungen.

 

Supervision

In der themenzentrierten Supervision wird vor allem darauf geachtet, dass ein biopsychosoziales Verständnis menschlicher Sexualität für den Behandler Leitlinie ist und die drei Dimensionen menschlicher Geschlechtlichkeit stets mitgedacht und im Behandlungsplan berücksichtigt werden (s. Kap. 3.2).